TULLY

USA 2018, 95 Minuten, Regie: Jason Reitman, mit Mackenzie Davis, Charlize Theron, Mark Duplass u.a.


Marlo hat gerade erst ihr drittes Kind bekommen, als ihr Bruder ihr ein besonderes Geschenk macht: Eine „Night nanny“, die sich nachts um die Kinder kümmern soll. Marlo ist zunächst skeptisch gegenüber dem Gedanken, Hilfe von einer fremden Person anzunehmen, doch als sie die junge, schlaue und witzige Nanny namens Tully kennenlernt, entwickelt sich eine einzigartige Freundschaft zwischen den beiden Frauen.
Mit "Juno" begeisterten Regisseur Jason Reitman und die Oscar®-prämierte Drehbuchautorin Diablo Cody eine ganze Generation. Ihre neue Komödie "Tully" ist ein warmherziges, sensibles und humorvolles Portrait über Mutterschaft im Jahr 2018.

Die oscargekrönte Drehbuchautorin Diablo Cody beweist auch in ihrer dritten Zusammenarbeit mit Jason Reitman als Regisseur nach JUNO und YOUNG ADULT, dass sie realistische, starke Frauenrollen mit viel Sensibilität und einem scharfen, manchmal angenehm boshaften Blick auf unbequeme Lebenswahrheiten gestalten kann. Vielleicht ist TULLY ihr witzigster, sicherlich aber ihr reifster Film. Denn hier geht es weniger um eine postpartale Depression, besser bekannt als „Babyblues“, sondern vielmehr um eine ausgewachsene Lebenskrise, eine Midlife-Crisis vom feinsten. Wie es oft der Fall ist bei vorrangig psychischen Störungen, trägt auch hier das Problem die Lösung in sich. Marlo steht kurz davor, sich selbst zu verlieren, weil sie sich schon sehr lange kaum um sich selbst, ihre Wünsche und Bedürfnisse kümmert, stattdessen hat sie, so wie es das ungeschriebene Gesetz für die perfekte Frau verlangt, bei allem nur ihre Familie im Sinn. Sie ist für alles zuständig, und sie hat Schwierigkeiten damit, irgendetwas zu delegieren. Der Anspruch an sich selbst und die Ansprüche, die von außen an sie gestellt werden, würden sie zugrunde richten, wäre da nicht Tully als Retterin in der Not. Charlize Theron macht aus Marlo eine zunächst ganz normale Durchschnittsmutter. Zu Beginn spielt sie die Hochschwangere mit schwarzhumorigem Fatalismus, doch nach der Geburt mutiert sie endgültig zur Gefangenen ihrer Mutterrolle, vegetiert praktisch nur noch dahin in einem schier endlosen Kampf zwischen Wickeltisch, Windeleimern und Milchpumpen. Das alles spielt Charlize Theron mit beachtenswertem komischen Talent. Sie opfert sich auf und vernachlässigt dabei sich selbst, was nicht nur für ihren Körper, sondern auch für den Geist gilt. Von ihrer vormals noch deutlich sichtbaren Intelligenz sind nur noch Rudimente vorhanden. Erst die Freundschaft zu Tully und die lockeren Gespräche mit der jungen Frau, die beinahe ihre Tochter sein könnte, wecken wieder die Lebensgeister in ihr. Dank Tully und ihrer unkomplizierten, direkten Art ist Marlo in der Lage, Hilfe anzunehmen. Die unkonventionelle Tully, die auch schon mal ungeniert den Kühlschrank ihrer Auftraggeberin plündert, entpuppt sich als eine Art besonders wirksame Arznei für Marlo. Aber jedes Medikament, das etwas bewirkt, hat bekanntlich auch Nebenwirkungen und Spätfolgen … Mackenzie Davis spielt die Tully mit viel jugendlicher Frische und Cleverness, dabei wirkt sie sehr natürlich und voller Selbstvertrauen. Gegen dieses im besten Sinne moderne Mädchen wirkt Marlo deutlich älter, als sie ist. Das so zu spielen, erfordert viel Mut, und Charlize Theron zeigt auch hierbei und nicht nur in der Entwicklung, die Marlo durchmacht, zu welcher facettenreichen Darstellung sie fähig ist. Das Zusammenspiel der beiden Frauen funktioniert bestens.

Jason Reitman führt mit leichter Hand Regie und zeigt dabei viel Sinn für Humor und Dramatik. Diablo Codys anspruchsvolles und originelles Drehbuch, in dem sie die Freuden der Mutterschaft und des Familienlebens keinesfalls beschönigt, sondern als echte Herausforderung darstellt, hat er so geschickt in Szene gesetzt, dass bei aller Sensibilität glücklicherweise kein wehleidiger Mädelsfilm entstanden ist, sondern eine ziemlich handfeste, aber niemals seichte Geschichte mit dramatischen Effekten, die mal größer und mal kleiner ausfallen. Kaum betritt Tully zum ersten Mal die Szenerie, entsteht ein geheimnisvolles Gefühl der Bedrohung, das sich bald auflöst, aber unterschwellig erhalten bleibt. Das Misstrauen, das Marlo dieser jungen Frau entgegenbringt, die sich so verdächtig gut mit Babys auskennt, verwandelt sich in blindes Vertrauen, das ihre Gespräche immer intimer werden lässt und gleichzeitig dafür sorgt, dass die Spannung steigt. Das Prinzip der „Night Nannie“, in den USA bereits seit Jahren erprobt und in Deutschland – vielleicht leider? – noch weitgehend unbekannt, dient hier als Vehikel für eine übergeordnete Handlung, die ebenso gut in einen Thriller gepasst hätte. Dass dieser Film jedoch auch als Komödie letztlich so gut gelungen ist, ist einer echten Teamleistung zu verdanken: Dazu gehört das herausragende Drehbuch, die wunderbar harmonierenden Hauptdarstellerinnen Charlize Theron und Mackenzie Davis sowie eine inspirierte und sensible Inszenierung bis zum absolut überraschenden Schluss, über den hier kein einziges Wort verloren werden soll.

 

GABY SIKORSKI (programmkino.de)