HAPPY END

Frankreich/ Österreich 2017, 108 Minuten, Regie: Michael Haneke, mit Jean-Louis Trintignant, Isabelle Huppert, Mathieu Kassovitz u. a.


Familie Laurent betreibt eine boomende  Baufirma – das Fundament des Erfolgs aber bröckelt: Die resolute Patriarchin und Chefin Anne (Isabelle Huppert), mit dem Anwalt Lawrence Bradshaw (Toby Jones) verheiratet, hat ihren Sohn Pierre (Franz Rogowski) zum Managing Director gemacht, doch der ist bei weitem nicht kompetent genug für seine Aufgabe. Auch rein privat gibt es Probleme: Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz), ein Arzt, der ebenfalls in der Mehrgenerationen-Villa wohnt, soll sich plötzlich um seine zwölfjährige Tochter Eve (Fantine Harduin) kümmern – die zieht zu ihm, nachdem ihre Mutter versucht hat, sich umzubringen. Eve fühlt sich in ihrer neuen Umgebung mit dem Papa und dessen neuer Frau Anaïs (Laura Verlinden) samt Kleinkind einsam und fremd. Dann unternimmt auch Georges (Jean-Louis Trintignant), der verbitterte alte Vater von Anne und Thomas, einen Selbstmordversuch…

 

Mit seinen Meisterwerken „Das weiße Band“ (2009) und „Liebe“ (2012) gewann Michael Haneke beim Festival in Cannes jeweils die Goldene Palme (er ist bisher der einzige Regisseur, der mit zwei aufeinanderfolgenden Filmen jeweils den Hauptpreis abstauben konnte). Da ist es natürlich Ehrensache, dass der provozierende Auteur auch mit seinem neuen Film „Happy End“ wieder (inzwischen schon zum siebten Mal) im Wettbewerb an der Côte d’Azur vertreten war. Das formal strenge, unterkühlt erzählte Familiendrama aus der Hölle erweist sich dabei als unwiderstehlich-faszinierendes Kaleidoskop der totalen Empathielosigkeit, wenn Haneke mit schneidiger Kälte und aus satirischer Distanz eine Familiendynastie seziert – ehe er der totalen Demontage ganz am Ende dann doch einige augenöffnende Widerhaken entgegensetzt.

 

Wer geglaubt hat, der leidenschaftliche Zyniker Michael Haneke („Die Klavierspielerin“, „Caché“) sei nach dem für seine Verhältnisse erstaunlich warmherzigen und zutiefst berührenden „Liebe“ ein wenig aufgetaut, der wird nun fünf Jahre später eines Besseren belehrt. Der in München geborene Regisseur entsagt in „Happy End“ radikal jeder noch so kleinen Nuance von empathischer Einfühlung, während er sich einmal mehr an seinen Lieblingsthemen abarbeitet: Die dysfunktionale Großbürgerfamilie steht hier stellvertretend für die sich vertiefenden Risse in den Gesellschaften des „Alten Europa“, von Schuldgefühlen verstärkte Konflikte zwischen Jung und Alt, Mann und Frau, Reich und Arm sind allgegenwärtig und die Kommunikation läuft trotz all der  neuen Medien (Haneke integriert nicht ohne Humor ein hochkantiges Handyvideo, Facebook-Chats und YouTube-Filmchen) immer wieder ins Leere. „Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind“, das ist hier der zentrale Satz und Haneke treibt diese resignierte (Selbst-)Erkenntnis mit einer brutalen emotionalen Distanz und einer betont kargen Inszenierung auf die Spitze. In den streng gerahmten Bildern wirken die Figuren oft fast wie Gefangene, auf eine womöglich auflockernde Filmmusik verzichtet der Regisseur – die Laurents scheinen jede Fähigkeit zur Liebe verloren zu haben.

Anne führt die Geschäfte und Geschicke der Firma mit professioneller Abgeklärtheit, hat aber keinen Draht zu ihrem Sohn oder den anderen Familienmitgliedern – lediglich die heile Fassade wird gewahrt. Annes kleine Nichte Eve (die in diesem sehr künstlichen Kosmos verblüffend natürlich wirkende Fantine Harduin ist die große Entdeckung in einem angemessen perfekten Ensemble) kommt sich in dieser unpersönlichen Umgebung zwar völlig verloren vor, ist aber selbst längst nicht so unschuldig, wie man vielleicht glauben könnte. Ihr Vater Thomas bemüht sich halbherzig, Liebe für sie aufzubringen, aber als Eve schließlich auch noch seiner  S/M-Affäre mit der Musikerin Claire (Loubna Abidar) auf die Schliche kommt, wird der Graben zwischen ihnen schier unüberwindbar. „Happy End“ steckt voller solcher kleinen und größeren Dramen, das meiste zeigt Haneke nur in Andeutungen und indirekt, oft in starren Totalen: Selbst der zwischenzeitliche Tod einer Figur wird lediglich in einem Nebensatz nachgereicht – ist ja bloß ein Betriebsunfall. Mitgefühl wird hier genauso im Keim erstickt wie Empörung – die Eiseskälte der Inszenierung entspricht der Apathie der Figuren und unterstreicht letztlich die Ungeheuerlichkeit dieser Teilnahmslosigkeit.

Die Laurents erscheinen als die Bewohner eines moralischen und sozialen Elfenbeinturms (und das ausgerechnet in Calais, wo die Festung Europa sozusagen unter Dauerbelagerung steht und ständig mit der Not in der Welt konfrontiert wird): Die Mitglieder der wohlhabenden Familie kreisen in ignoranter Verzweiflung um sich selbst und Haneke zeigt, wie komisch, fast schon lächerlich das im Grunde ist. Da wird es zum faszinierend-teuflischen Spaß zu beobachten, welches Familienmitglied wohl als erstes unter der Last der Konflikte zusammenbrechen wird. Ironischer- und treffenderweise wird dieses Muster erst durchbrochen als der metaphorische Teppich gelüftet wird, unter den hier fein säuberlich die Probleme mehrerer Generationen gekehrt wurden: Unterdrücktes drängt plötzlich an die Oberfläche und wird für die Laurents zum Augenöffner. Und so ist das „Happy End“ gerade nicht, wie man superzynisch vermuten könnte, der Selbstmord, dem hier diverse Familienmitglieder entgegenstreben, um ihrem freudlosen Leben zu entfliehen. Vielmehr liegt mit der  Überwindung der Blindheit tatsächlich ein zarter Hauch von Hoffnung in der Luft.

Eine der größten Stärken von Michael Haneke als Filmemacher ist, dass er es dem Publikum nicht leicht macht. Und so kann man es sich hier als Betrachter eben nicht in einem besserwisserischen Kulturpessimismus bequem machen, denn der Regisseur sorgt immer wieder für Momente echter Beunruhigung. Einmal etwa mischt die junge Eve ihrem Hamster aus purer Experimentierlust Antidepressiva ins Futter (schon in Hanekes „Benny's Video“ von 1992 ging es ja um Tierquälerei), ein anderes Mal setzen die nüchtern vom Computerbildschirm abgefilmten intimen Emails zwischen Thomas und seiner Geliebten ein abgründig-perverses Kopfkino in Gang und gerade als man glaubt, Haneke würde dieses Mal zumindest auf die typische Gewalteruption verzichten, setzt er einen brutalen Nadelstich – ein kleiner, aber wirkungsmächtiger Moment.

Fazit: Michael Haneke reißt in seinem grimmig-düsteren satirischen Drama „Happy End“ schonungslos die Fassade einer großbürgerlichen französischen Familiendynastie ein und schärft dabei einmal mehr den Blick auf gesamtgesellschaftliche Defizite.

 

Carsten Baumgardt, filmstarts.de