FIKKEFUCHS

Deutschland 2017, 104 Minuten, Regie:  Jan Henrik Stahlberg, mit Jan Henrik Stahlberg, Franz Rogowski u.a.


Rocky (Jan Henrik Stahlberg) war einst ein echter Frauenheld, zumindest in seiner eigenen Wahrnehmung, doch seine besten Tage liegen mittlerweile längst hinter ihm. Das hält den Möchtergern-Casanova jedoch nicht davon ab, weiterhin jungen Frauen hinterherzusteigen. Nun lernt er kurz vor seinem 50. Geburtstag einen jungen Mann namens Thorben (Franz Rogowski) kennen, der behauptet, sein Sohn zu sein, und ist doch noch einmal als Verführer gefordert. Denn Thorben weiß nicht, wie man Frauen rumkriegt und will von seinem Vater in diese hohe Kunst eingeführt werden. Doch das ist nicht so leicht: Nicht nur merkt Rocky ziemlich schnell, dass bei Thorben eine Menge Arbeit nötig ist. Auch der Sohn kann bald nicht mehr ignorieren, dass es mit den Aufreißergeschichten seines Vaters nicht allzu weit her ist. Dennoch kommen die beiden Männer sich langsam näher…
Früher hat Jan Henrik Stahlberg in Fernsehproduktionen durchaus auch mal den „perfekten Schwiegersohn“ verkörpert. Aber seitdem sich der Schauspieler auch als Drehbuchautor („Muxmäuschenstill“) und Regisseur („Bye Bye Berlusconi“, „Short Cut To Hollywood“) austobt, ist er vor allem für sein Faible für politisch völlig unkorrekte Provokationen berühmt-berüchtigt. Auch in seiner dritten Regiearbeit, der bitterbösen Satire „Fikkefuchs“ über fehlgeleitete Männlichkeitsideale und –fantasien, schlägt er nun wieder konsequent über die Stränge. Stahlberg schert sich erneut einen Scheißdreck um Konventionen oder Tabus – und polarisiert damit wie gewohnt. Wobei wohl selbst diejenigen manchmal ganz schön schlucken werden müssen, die auf seinen schmerzhaft-bösartigen Humor grundsätzlich voll einsteigen.

Robert Ockers (Jan Henrik Stahlberg), kurz Rocky, war mal der „größte Stecher von Wuppertal“ und ist seiner Vorliebe für junge Frauen immer „treu geblieben“, selbst wenn seine Anmachsprüche dank Wohlstandsbäuchlein, angegrautem Stachelbart und strähnigen Haar mit deutlichem Glatzenrund längst nicht mehr so einschlagen wie früher. Als eines Tages sein aus der Psychiatrie entflohener Sohn an Richards Wohnungstür in Berlin klingelt, hofft der nach einem sexuellen Übergriff auf eine Verkäuferin eingewiesene Thorben (Franz Rogowski), dass sein vermeintlicher Aufreißer-Vater ihm Tipps geben kann, um sein Sexualleben zukünftig erfolgreicher zu gestalten. Aber während der Vater noch seinen goldenen Zeiten hinterherfantasiert, nimmt die Don-Juan-Mentalität beim Sohn pathologische Züge an: Als „Swordfish“ betreibt Thorben einen YouTube-Kanal, dessen Intro-Animation eine nackte Schwimmerin zeigt, der sich wie auf dem Plakat zu „Der weiße Hai“ eine Bedrohung aus der Tiefe nähert, bevor sie von einem offensichtlichen Phallussymbol aufgespießt wird…
Nachdem Robert seinen sexuell frustrierten Stammhalter zunächst einfach vor der Tür stehen lässt, kommt es in der Vater-Sohn-Beziehung später durchaus zu einer Annäherung inklusive Anflügen beiderseitiger Fürsorge – aber solche auf den ersten Blick konventionell anmutenden Erzählmuster werden von Stahlberg konsequent und mit galliger Ironie unterlaufen. „Fikkefuchs“ ist böse bis zur letzten Einstellung, wobei die ebenso spielfreudigen wie uneitlen Stahlberg und Rogowski (bekannt aus „Love Steaks“ und anderen Filmen von Jakob Lass) ganz aufgehen in ihren unsympathischen Loserfiguren, in denen man sich als männlicher Zuschauer durchaus immer mal wiedererkennt: Kein schönes Gefühl! Die Männer in „Fikkefuchs“ sind gesellschaftliche Fossile, die die vergangenen Jahrzehnte der sozialen Evolution völlig verschlafen zu haben scheinen.

Nachdem der Film zu Beginn vor allem auf das Vater-Sohn-Gespann baut (und das wäre auch allein schon abendfüllend gewesen), entwickelt sich aus einem suspekten Kurs zum Frauenaufreißen schließlich tatsächlich noch so etwas wie ein Handlungsbogen: Plötzlich präsentiert sich „Fikkefuchs“ fast schon wie ein Politthriller, wenn Thorben zum Erpresser wird, um seinem Vater dessen großen Traum zu verwirklichen. Die Gegensätze zwischen dem Möchtegern-Intellektuellen Rocky und dem ungezügelten Partymacher Thorben vollzieht der Film auch sehr passend auf dem Soundtrack nach, der Klassik-Radio mit derbem deutschen Hiphop konterkariert. Ähnlich scharfe Kontraste gibt es auch bei der Bildgestaltung, denn es wird immer wieder mit der Billig-Ästhetik von Selfie-Videos oder Internet-Pornos experimentiert.

Der eigenwillige Humor in Kombination mit einem betont machohaften Blick (in der ersten Viertelstunde zeigt gefühlt jede zehnte Einstellung einen Ausschnitt oder Frauenhintern) macht den Film nicht gerade leicht erträglich. Dazu kommen wie schon in „Muxmäuschenstill“ immer wieder Dinge, die man so auf keinen Fall sehen wollte: Wenn Thorben nicht nur die Scheiße von Rocky abduscht, sondern sich dabei auch noch selbst auf den Kopf seines volltrunkenen Vaters übergeben muss, dann sind das schmerzhafte Fäkalhumor-Momente, an die sich wohl selbst die Farrelly-Brüder („Dumm und Dümmer“) nicht mal mit der Kneifzange herangewagt hätten. Aber „Fikkefuchs“ ist dabei immer konsequent und bleibt sich und seinem Thema kompromisslos treu. Dass die Produzenten die übliche Subventions- und Fernsehfinanzierung umgangen und stattdessen auf Crowdfunding gesetzt haben, erlaubt eine anders kaum zu erreichende Radikalität, die sicherlich auch viele Zuschauer direkt abschrecken oder sogar noch während des Films aus dem Kino treiben wird. Denn wer schon den Titel anrüchig findet, der tut definitiv gut daran, sich besser einen anderen Film für das nächste Date auszusuchen. Trotzdem wird „Fikkefuchs“ ein aufgeschlossenes und abgehärtetes Publikum nicht nur prächtig unterhalten, sondern auch Diskussionen über Männlichkeitsvorstellungen anstoßen, die sich selbst Männer untereinander nur sehr selten offen anzusprechen trauen.

Fazit: „Fikkefuchs“ ist sowas wie die deutsche Antwort auf Joseph Gordon-Levitts Regiedebüt „Don Jon“ über einen pornosüchtigen Aufreißer auf der Suche nach der wahren Liebe - nur ist das bei Jan Henrik Stahlberg alles noch viel ungebremster, schmerzhafter und bösartiger.
Thomas Vorwerk, filmstarts.de