A BEAUTIFUL DAY

 

Großbritannien/ Frankreich/ USA 2017, 85 Minuten, Regie: Lynne Ramsay, mit Joaquin Phoenix, Judith Roberts, Ekaterina Samsonov u.a.

 


Ein junges Mädchen wird vermisst. Joe, ein brutaler und vom eigenen Leben sowohl gequälter als auch gezeichneter Auftragskiller, startet eine Rettungsmission. Im Sumpf aus Korruption, Macht und Vergeltung entfesselt er einen Sturm der Gewalt. Vielleicht gibt es nach all dem Blutvergießen am Ende auch für Joe ein Erwachen aus seinem gelebten Albtraum…
Das Drehbuch des düsteren Thrillers basiert auf der Novelle „You were never really here“ des amerikanischen Autors Jonathan Ames. Neben Joaquin Phoenix als Auftragskiller Joe sind in weiteren Rollen u.a. Ekatarina Samsonov („Anesthesia“) als verschlepptes Mädchen Nina, Alessandro Nivola („American Hustle“), Alex Manette („Jane Got A Gun“), John Doman („Blue Valentine“) sowie Judith Roberts („Orange Is The New Black“) als Joes Mutter zu sehen. Produziert wurde A BEAUTIFUL DAY von Pascal Caucheteux, Rosa Attab, James Wilson, Rebecca O’Brien und Lynne Ramsay.

Joe (Joaquin Phoenix) ist das, was einmal im Film ein „Hired Gun” genannt wird, ein Auftragskiller. Oder ein Mann fürs Grobe, der dann gerufen wird, wenn andere versagen. Statt eines Guns, also eines Gewehrs, benutzt er lieber einen Hammer als Waffe – was den Ausdruck „Hired Gun“ ad absurdum führt. Ein Gewehrschuss ist laut und schnell, aus der Distanz abgefeuert. Mit einem Hammer hingegen muss man den Leuten auf die Pelle rücken, er schlägt hässliche Wunden. Darum sehen wir gleich zu Beginn des Films, wie Joe das bluttriefende Werkzeug nach getaner Arbeit abwischt. Er hat ein entführtes Kind befreit, und die Kidnapper haben es grausam bezahlt. Joe ist ein massiger Mann mit grauschwarzem Bart und zum Zopf gebändigten Haaren. Sein Gang ist schleppend, sein Blick nach unten gerichtet. Joe ist ein Mann mit vielen Wunden, auf der Seele, vor allem aber am Körper. Mehrere Male zieht er sich eine durchsichtige Plastiktüte über den Kopf und reißt sie erst im allerletzten Moment auf. Rückblenden in seine Vergangenheit, zu seiner Kindheit, zum Militär und zum FBI zeigen: Joe hat schon so einiges hinter sich an Missbrauch, Gewalt, Traumata, Schikanen und Misserfolgen. „Du warst niemals richtig hier“ lautet die Übersetzung des Originaltitels, und genau diesen Eindruck erweckt Joe: Ein Mann, der neben sich steht, der nicht mehr leben will. Da wird die kleine Tochter eines Senators entführt und in ein Bordell verschleppt. Joe befreit das Mädchen. Doch danach läuft alles aus dem Ruder.
 
Seit „We Need to Talk About Kevin“, also seit 2011, hat die Schottin Lynne Ramsay keinen Film mehr gedreht. Jetzt meldet sie sich mit Wucht zurück. Das Drehbuch ihres Thrillers basiert auf der Novelle „You Were Never Really Here“ des amerikanischen Autors Jonathan Ames. Ramsay machte daraus das Drama eines Einzelgängers, der an Travis Bickle aus Martin Scorseses „Taxi Driver“ erinnert. Joe ist ein Mann, der nur seinem Code gehorcht. Manchmal muss man sich sogar wundern, dass er überhaupt fähig ist zu handeln. Wut und Verzweiflung sind die einzigen Motoren, die ihn antreiben. Die Brutalität, zu der er fähig ist, zeigt Ramsay meistens als Resultat, die Aktion selbst ist entweder durch Überwachungskameras verfremdet oder durch Ellipsen ausgespart. So unterläuft die Regisseurin die Konventionen des Genres und lenkt den Blick auf ihre Hauptfigur. Die Rückblenden in Joes Vergangenheit nehmen dabei den Charakter von kurz aufblitzenden Träumen an, die sich mit der Gegenwart vermischen. So ist auch die Orientierungslosigkeit, die Abwesenheit Joes zu erklären. Ramsay wirft ihn in Situationen, häufig ohne Ort und Zeit zu benennen. Sie nimmt den Zuschauer nicht an die Hand, sie erklärt nichts. Erwartungen an traditionelles Erzählkino werden so konsequent enttäuscht – an der Faszination des Films ändert das nichts. Und vielleicht ist „A Beautiful Day“ ohne die Darstellung durch Joaquin Phoenix gar nicht denkbar. Von schleppend und schwerfällig bis aufbrausend und wütend findet er punktgenau die passenden Gesten und macht den Schmerz seiner Figur spürbar. Man möchte nicht in Joes Haut stecken.

Michael Ranze, programmkino.de